Grußwort zum Marsch für das Leben 2019

Von Sophia Kuby

In ein paar Wochen begehen wir ein großartiges und denkwürdiges Jubliäum in Deutschland und weit darüber hinaus. Wir werden eines der einschneidensten Ereignisse feiern, das Europa in seiner Geschichte erlebt hat. Wir feiern die Widererlangung der Freiheit nach Jahrzehnten der Unterdrückung. Den Triumpf der Demokratie über ein totlitäres Regime. Den Sieg der Menschenwürde und –rechte über Mißbrauch von Macht und Willkür. Wir feiern 30 Jahre Mauerfall. 

Allerdings fiel damals 1989 nicht nur eine Mauer, es fiel eine Ideologie, die den Menschen in seiner Freiheit und unveräußerlichen Würde mißachtete. Er war Mittel zum Zweck der kommunistischen Revolution. Er konnte geopfert werden zur Durchsetzung einer politischen Idee, welche die ökonomische und gesellschaftliche Wirklichkeit, das Leid so Vieler, und schließlich die Implosion des Regimes Lügen strafte.  Vieles davon durfte damals nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand gesagt werden. Meinungs- und Redefreiheit galten nicht, der Einsatz für die Grundrechte des Menschen konnte Gefängnis bedeuten. 

Am 9. November haben wir alle Grund zu feiern. Aber ein sorgloses Hoch auf die Überwindung der vergangenen dunklen Tage reicht nicht. Wir müssen uns fragen, wie es heute in unserer Gesellschaft aussieht mit dem bedingungslosen Respekt der Menschenwürde und der Anerkennung der Grundrechte jedes Menschen. Damals wie heute ist die Idee der Grundrechte unabhängig von qualifizierenden Merkmalen. Wir müssen sie uns nicht verdienen, wir haben sie einfach nur deshalb, weil wir Menschen sind. Damals in der DDR haben sich Menschen nicht damit zufriedengegeben, dass Menschenwürde und die Rechte, die daraus hervorgehen, politisch kontrolliert und beliebig abgesprochen werden können. Die Ungerechtigkeit, die durch eine Unterwerfung der Menschenwürde unter die herrschende Macht entsteht, war vielen klar. Wenige nur hatten den Mut und das Durchhaltevermögen, diese Ungerechtigkeit über Jahrzehnte öffentlich zu bennennen, an die Gewissen zu appellieren und die Hoffnung auf Änderung der kulturellen und politischen Verhältnisse zu behalten. 

Sind wir nicht heute in einer ähnlichen Situation, was das kollektive betäubte Gewissen, die unausgesprochene Ungerechtigkeit, und die scheinbare Aussichtslosigkeit auf kulturelle und politische Verändung betrifft? Laut Weltgesundheitsorganisation werden weltweit jährliche über 56 Millionen ungeborene Kinder abgetrieben. 153.000 jeden Tag. 153.000. Diese Zahl ist so astronomisch, dass es schwer fällt, die emotional zu begreifen. 

Menschenwürde und –rechte sind in keiner Menschenrechtserklärung, in keinem international Vertrag, in keiner Verfassung dieser Welt an Qualifikation wie Alter, Gesundheit, Intelligenz, politische Gesinnung oder anderes geknüpft. Ein ungeborenes Kind hat ab der Verschmelzung von Ei und Samenzelle alles, was zum Menschsein entscheidend ist: eine einzigartige genetische Identität, die jede weitere Entwicklungsstufe bereits in sich enthält. Es muss nur genährt und am Leben gelassen werden und wächst von ganz alleine heran, bis es zu groß wird für den Bauch der Mutter und ungefähr die nächsten 15 Jahre draußen weiterwächst. 

153.000 ungeborene Kinder werden jeden Tag auf dieser Welt im Mutterleib getötet. Auch heute waren es wieder 153.000. 6400 jede Stunde. 

Wo bleibt der Aufschrei gegen diese größte Ungerechtigkeit unserer Zeit? Wo bleiben die aufgerüttelten Gewissen, Menschen, deren Herz und Geist nicht zu Ruhe kommt angesichts dieses andauernden Skandals, Politiker, die die willkürliche Qualifizierung von Menschenwürde nicht hinnehmen? 

Ein paar Mutige sind heute hier in Berlin beim Marsch für das Leben. Auch ich wäre gerne dieses Jahr wieder dabei gewesen und gratuliere jedem, der Zeit, Geld und Energie investiert, um hier zu sein. Auch wenn der Marsch für das Leben jedes Jahr wächst, sind es doch nur ein paar wenige angesichts der Offensichtlichkeit des Unrechts. So viele ziehen es vor, sich nicht mit einem so lästigen Thema aus der Ruhe bringen zu lassen. Warum auch! Wir haben ja schließlich die gefährlichsten neun Monate des Leben überlebt und leben! Gerade darum. Weil wir denen, die die Ungerechtigkeit nie werden bennen können, weil sie ihrer Stimme viel zu früh beraubt wurden, unsere Stimme leihen können. Weil wir es müssen, wenn wir auch nur einen kleinen Rest von Gerechtigkeitsgefühl übrig haben.