Liebe Marschteilnehmer von nah und fern,

als CDU-Bundestagsabgeordnete und überzeugte Lebensschützerin freue ich mich sehr, dass sich wieder so viele Menschen aus ganz Deutschland auf den Weg gemacht haben, um beim „Marsch für das Leben“ dabei zu sein. Wir wollen, ja wir müssen, gemeinsam darauf aufmerksam machen, dass das Recht auf Leben in Deutschland und ganz Europa immer mehr unter Druck gerät. Das gilt für das Thema Abtreibung, für das Thema vorgeburtliche Selektion, die Unterstützung beim Suizid und auch bei der Frage der Euthanasie.

Lassen Sie uns einen kurzen Blick zurück werfen. Vor knapp 2500 Jahren sagte Hippokrates der berühmteste Arzt des Altertums und Begründer der Medizin noch: „Ich werde nichts unternehmen, um die Leibesfrucht abzutreiben oder Empfängnis zu verhüten. [… ] Auch werde ich keiner Frau ein Mittel zur Abtreibung einer Geburt zukommen lassen.“ Und vor etwa 70 Jahren verabschiedete die 2. Generalversammlung des Weltärztebundes in Genf das Genfer Gelöbnis, in dem es ausdrücklich heißt: „Ich werde jedem Menschenleben von der Empfängnis an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden.“

Heute bekommen Medizinerinnen (die in der Regel keine Gynäkologen sind) für den Bruch dieses hippokratische Versprechens und der Darstellung und Kommerzialisierung der vorgeburtlichen Kindstötung als normale ärztliche Leistung, reihenweise hochdotierte Preise von parteinahen Stiftungen der SPD und der Grünen … und Frau Rita Süssmuth (CDU) spricht die Laudatio … das ist alles nicht mehr zu fassen.

Gleichzeitig demonstrieren genau diese politischen Kräfte für den Schutz der Umwelt und des Klimas – der Wald, die Wölfe, die Fledermäuse, die Schwarzstörche, die Bienen usw. dürfen nicht sterben – aber das ungeborene Kind soll nicht einmal leben dürfen! Das ist absurd!

Das gegenwärtige politische Panorama zeigt ein bedrohliches Szenario für das Recht auf Leben. So zeigen die meisten Kandidaten für den SPD-Vorsitz, dass sie Werbung für Abtreibungen legalisieren wollen. Dem schließen sich die Linken vorbehaltlos an. Die Grünen radikalisieren sich immer mehr zu Abtreibungsfanatikern und wollen die vorgeburtliche Kindstötung (womöglich bis zum Tage der Geburt) legalisieren, wie Katrin Göring-Eckardt verkündet hat.

Der Kampf gegen die ungeborenen Kinder wird immer verbissener und rücksichtsloser geführt.

Angesichts dieses Angriffes auf das Leben muss man erwarten, dass CDU/CSU eine Gegenoffensive startet. Damit das geschieht, wird der Druck der christlichen Basis Deutschlands gebraucht.

Anfang dieses Jahres hat der Deutsche Bundestag mit der Neufassung des Paragraphen 219a StGB zu einer weiteren Verwässerung beim grundsätzlichen Verbot der Werbung für einen Schwangerschaftsabbruchs beigetragen. Angesichts dieser Einschätzung habe ich als einzige Abgeordnete der Unionsfraktion dem gefundenen Kompromiss nicht zugestimmt. Persönlich mache ich  meinen Kollegen keinen Vorwurf, wenn Sie zugestimmt haben. Aber wir wissen doch alle, dass mit dem Angriff auf den § 219a in Wirklichkeit nur der Sturm auf den § 218, dem Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, eingeläutet werden soll und genauso wie die Bestrebung Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, die Gesellschaft in die scheinbar „schöne neue Welt“ der puren Selbstbestimmung führen will. Letzlich führt das alles aber zur Zerstörung der herkömmlichen Familie als gesunde Keimzelle der Gesellschaft. Ich frage Sie – was nutzt es einem Volk, wenn es zwar reich an Selbstbestimmung – aber arm an Kindern ist und sich damit der eigenen Zukunft beraubt?  

Sie alle, die Sie am  Marsch für das Leben teilnehmen, kennen die richtige Antwort. Deshalb bin ich Ihnen auch so dankbar, dass Sie alle heute hier laut und deutlich für das Recht auf Leben demonstrieren. Wir sind vereint in dem Wissen, dass der Mensch beim Lebengeben und Lebennehmen nicht Gott spielen soll. Das gilt genauso für seine selbstgerechte Vorstellung wertvolles Leben von unwertem Leben zu unterscheiden oder aber auch die Lebenschancen schon vor der Geburt unterbinden zu können. Immer dann, wenn der Mensch sich selber zum gottähnlichen Wesen aufspielt, haben zivilisatorische Brüche nicht lange auf sich warten lassen. Denn der, der nicht Rechenschaft ablegen muss, verliert  auch den Respekt vor seinem Gegenüber und wagt den Griff nach den Sternen.

Heute sind wir hier versammelt, um dem vereinten Zeitgeist die Stirn zu bieten. Insofern war zu erwarten, dass unsere Gegner, uns so lautstark und aggressiv begleiten. Ja, auch Ihr seid uns willkommen, denn wir alle danken Gott und respektieren die Entscheidung , dass Eure Eltern zu Euch bewusst Ja! gesagt haben. Sie haben sich damals nicht mit Trillerpfeifen für eine Kultur des Todes entschieden. In Freiheit und liebevoller Zuwendung haben sie sich für eine Kultur des Lebens entschieden und damit die Vielfalt in unserem Lande begründet!

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Enzyklika „Spe salvi“ daran erinnert, dass jede Generation neu um die rechten Ordnungen der menschlichen Dinge ringen muss. Nach Ansicht des Papstes könnten gute Strukturen auch zum Gutsein der Welt beitragen. Allerdings könne der Mensch „nie einfach nur von außen her erlöst werden“. Am Ende wissen wir hier: An Gottes Segen ist alles gelegen. Deshalb lasst uns jetzt segensreiche Stunden miteinander verbringen und uns gegenseitig Stärke zusprechen. Wir sind nicht allein und bisher sind alle Kulturen des Todes am eigenen Tod gescheitert.

Veronika Bellmann MdB

Veronika Bellmann MdB